In seiner Predigt rückte Sühling das gesprochene Wort in den Mittelpunkt. Er machte deutlich, dass Gedenken nicht nur Erinnerung bedeutet, sondern Verantwortung verlangt. Ausgehend von den biblischen Texten Kohelet und dem 74. Psalm erinnerte er an die Menschen, die „keinen Tröster hatten“ und deren Leid überdauert – die sogenannten ewigen Trümmer der Geschichte. Sühling hatte dies zu Beginn seiner Predigt eindrucksvoll dargestellt – mit einem Sologesang aus Johannes Brahms „Vier ernsten Gesängen“. Lavinia Dragos hatte ihn am Klavier begleitet.
Ein besonderes Augenmerk legte Sühling auf die Tagebuchaufzeichnungen der Jüdin Etty Hillesum, die während ihrer Haft im Durchgangslager Westerbork schrieb, dass Menschen die Pflicht haben, Gott in der Welt einen Platz zu bewahren. „Nicht: ‚Wo war Gott?‘, sondern: ‚Wo war der Mensch, um Gott einen Platz in dieser Welt zu bewahren?‘“, zitierte Sühling. Damit verband er die historische Erinnerung mit der Gegenwart: Gedenken sei kein Rückblick allein, sondern ein Auftrag, Menschlichkeit und Verantwortung aktiv zu leben: „Erinnern ist ein aktiver Widerstand gegen die Absurdität des Bösen“, betonte Sühling.
Oberbürgermeister Tilman Fuchs hatte zuvor bei der Kranzniederlegung davor gewarnt, angesichts der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen gleichgültig zu werden. Seit dem Terrorangriff auf Israel im Oktober 2023 habe die Zahl antisemitischer Übergriffe deutlich zugenommen. Der Gedenktag erinnere daran, wie fragil die Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens seien, betonte Fuchs. Gerade deshalb sei es notwendig, den Blick zu schärfen, um eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern, und aktiv für elementare Werte einzustehen: für Frieden, Demokratie, Freiheit, Toleranz und Gerechtigkeit. Als Friedensstadt trage Münster dabei eine besondere historische Verantwortung.